ine einfache Antwort warum jemand eine Eßstörung entwickelt gibt es nicht. Die möglichen Ursachen und Auslöser sind vielfältiger Art, und für die Entstehung einer Eßstörung sind meist mehrere von ihnen bedeutsam. Ein bedeutsamer Faktor ist das Schlankheitsideal. Es gibt Hinweise darauf, daß Anlagefaktoren die Entwicklung einer Eßstörung begünstigen können, aber als alleinige oder entscheidene Ursache scheiden sie aus. Angesichts des immensen Stellenwertes, den die "schlanke Figur" in unserer Gesellschaft genießt, läßt die Folgerung "zu dick" dann nah. Heranwachsende sind durch die Veränderung ihres Körpers verunsichert und brauchen Zeit, um wieder mit ihm vertraut zu werden. Spötteleien, launige Kommentare und ähnliche Reaktionen verletzen ihre Intimsphäre und können großen Schaden anrichten. Leistungsorientierter Sport kann sowohl für Mädchen als auch für Jungen zum auslösenden Faktor für eine Eßstörung werden. Eine extreme Belastung, die vor allem Mädchen erfahren und die niemand unbeschadet überstehen kann, ist die Erfahrung des sexuellen Mißbrauch. Heranwachsende stehen vor der Aufgabe die gesellschaftliche Geschlechterrolle der Frau bzw. des Mannes zu übernehmen. Mit diesen Rollenbildern können für die Jugendlichen Erwartungen und Zuweisungen verbunden sein, die ihnen Angst machen, die sie ablehnen, oder widersprüchlich erleben. Die Liste möglicher Belastungen kann man noch weiter fortsetzen. Letztlich bleibt aber nur die Erkenntnis, daß die Entwicklung einer Eßstörung immer eine individuelle Reaktion auf persönliche Probleme und Belastung ist, die nur durch eine intensive Beschäftigung mit der Geschichte der Betroffenen und der jeweiligen Lebenssituation verständlich wird.

Die Mitglieder einer Familie beeinflußen sich gegenseitig in ihrem aktuellen Verhalten. Wie in einem Mobile sind die einzelnen Mitglieder miteinander verbunden und halten sich in einer Art Gleichgewichtszustand. Veränderungen innerhalb der Familie können deshalb indirekt das Verhalten jedes einzelnen Mitgliedes - positiv, aber auch negativ beeinflußen. Beispiel: Nimmt ein Mädchen stark an Gewicht zu, könnte dies ein Zeichen dafür sein, daß sie sich eingeengt oder vereinnahmt fühlt. Reagiert nun die Familie mit verständnisvoller Aufmerksamkeit und räumt dem Mädchen mehr Freiraum ein, ist es möglich, daß es sein Verhalten wieder aufgeben kann. Derart einfach ist die Wirklichkeit natürlich niemals.