Mein Aufenthalt in der Klinik Roseneck
vom 21.05.1997 bis zum 30.07.1997

Diagnose: Anorexia nervosa vom bulimischen Typ (DSM-IV 307.10)

Die Klinik liegt direkt am Chiemsee. Es ist dort von der Umgebung sehr schön. Ich war im Sommer dort, und es hat mir so total gut gefallen. Es gibt dort Einzel- und Doppelzimmer. Die meisten Zimmer haben Balkon. Die Doppelzimmer sind sehr schön gemacht, mit einem Torbogen in der Mitte des Raumes, so daß man, wenn man seine Ruhe haben wollte, ohne weiteres einen Vorhang zuziehen konnte, der direkt zur Zimmernachbarin führte. Die Einrichtung war ebenfalls sehr nett. In so einem Art Bauernstil, so daß man kaum daran erinnert wurde sich in einer Klinik aufzuhalten.

Auf der Station wo ich war, handelt es sich um eine reine Eßstörungsstation von etwas 25 Leuten.

Für jeden gab es dort einen individuellen Wochenplan. Der folgendermaßen aussah:

Station A2 Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag
7:00- 7:30 Frühsport Frühsport
und Wiegen
Frühsport Frühsport Frühsport
und Wiegen
7:30- 8:15 Frühstück Frühstück Frühstück Frühstück Frühstück
8:15- 9:55 BWT (a) Anti-Diät (e) GSK Anti-Diät  
9:55-10:15 Ruhepause Ruhepause Ruhepause Ruhepause Ruhepause
10:15-11:55 Gruppentherapie Lehrküche (f) BWT Einzeltherapie Lehrküche
11:45-13:00 Mittagessen Mittagessen Mittagessen Mittagessen Mittagessen
13:15-14:55     Eßprotokollgruppe,
& Gemeinschafts-
tisch (h)
   
14:55-15:15 Ruhepause Ruhepause Ruhepause Ruhepause Ruhepause
15:15-16:55 GSK (c) Gestaltung (g)   Gruppen-
therapie
Stations-
versammlung
16:55-17:05 Pause Pause Pause Pause Pause
17:05-17:45 PME (d) PME   PME  
17:45-19:00 Abendessen Abendessen Abendessen Abendessen Abendessen
  Freizeit Freizeit Freizeit Freizeit Freizeit


So voll sah der Plan eigentlich nur zum Schluß aus. In den ersten 2 Wochen hatte ich kaum Kurse. Nur die Einzeltherapie und die Gruppentherapie. Der Plan ist ein Baukastensysstem. Jede Woche kam eine neue Gruppe hinzu, und teilweise war eine Gruppe beendet. Am Eingang der Station war eine Infotafel wo man Namentlich aufgelistet wurde für die jeweiligen Gruppen. Dort hingen auch noch andere Info´s die die Station betrafen, z.b. Veranstaltungen, oder wenn man jemanden für Aktivitäten gesucht hat.

A. BWT = Bewegungstherapie

Diese Gruppe diente dazu, daß man eine realistische Körperwahrnehmung entwickelt und seinen Körper lernt besser annehmen zu können. Die unterschiedlichen Übungen sollten dazu dienen, daß man Freude an der Bewegung entwickelt. Materialen wie Massagebälle und Musik wurden dazu verwendet. Wir waren dort zu 5 Leuten in der Gruppe.

B. Gruppentherapie

Diese Gruppe war ein Hauptelement der Behandlung. Es wurde ein Austausch über Erfahrungen und verschiedenen Lebensschwierigkeiten gemacht. Ziel war es, neue Wege der Probleme auszuprobieren und zu überdenken. Wir waren meistens zu 8 Leuten in der Gruppe. Meistens waren immer 2 Therapeuten/Ärzte mitanwesend. Zuerst wurde immer ein "Blitzlicht" gemacht. Da hat man dann gesagt wie es einem geht, und ob man für die heutige Gruppe ein Thema hat. Nach diesem Blitzlicht wurde sich dann auf ein Thema geeinigt. Es wurden die verschiedensten Sache besprochen, wie zum Beispiel: Wie erzähle ich meinen Freunden, daß ich in einer Klink bin? Wie gehe ich mit unterschiedlichen Reaktionen um? Bevor die Gruppe zu ende ist, wird nochmals ein Blitzlicht gemacht. Da sagt man dann wie einem die Gruppe gefallen hat, und wie es einem damit geht.

C. GSK = Gruppe sozialer Kompetenzen

Diese Gruppe diente dazu, daß man soziale Kompetenz erwerben sollte. Das bedeutet, daß man sein Verhalten besser kennen lernt, und lernt in kleinen Schritten ein selbstsicheres, soziales und kompetentes Verhalten aufzubauen, zu erweitern oder auch zu stärken.

Eigene Interessen, Bedürfnisse, Gefühle, Ansichten und Einstellungen offen auszudrücken.
Interessen, Bedürfnisse, Gefühle, Ansichten, und Einstellungen anderer wahrzunehmen und aufgreifen zu können.
Eigenen Interessen, Bedürfnisse, Gefühle, Ansichten und Einstellungen angemessen durchsetzen zu können.
Unberechtigte Kritik und unberechtigte Forderungen anderer zurückweisen zu können.
Berechtigtes Lob, Kritik und Forderungen annehmen zu können.
Selbst Lob, Kritik und Forderungen aussprechen zu können.
Kontakte zu anderen Personen herstellen, aufrechterhalten und beenden können.
Sich Fehler erlauben können.
Sich öffentlicher Beachtung aussetzen zu können.

Diese Punkte wurde zuerst immer mündlich, dann schriftlich und zuletzt durch Rollenspiele erarbeitet. Mir persönlich hat diese Gruppe am meisten gefallen, da ich in diesen Punkten meine größten Probleme lagen. Die Gruppengröße lag hier bei 8 Leuten.

D. PME = Progressiven Muskelentspannung nach Jakobsen

In dieser Gruppe ging es darum, daß man achtsam lernt auf die Empfindung der Anspannung und er anschließenden Entspannung der Muskeln zu achten. In dem Kurs werden schrittweise alle Muskelgruppen angesprochen vom Kopf bis zu den Füßen.

Mir persönlich hat diese Gruppe nicht gefallen, da ich enorme Schwierigkeiten dort hatte, was das konzentrieren der Entspannung und Anspannung anging.

E. Anti - Diät Gruppe

Die Gruppe wurde in 3 Aspekte eingeteilt:

Theorie
 Einführung in das Konzept
 Informationen über Auslöser und Folgen der Eßstörung
 Informationen über Süßstoffe und Light Produkte
Praxis
 Persönliche Ziele
 Zusammenhang zwischen Gefühlen und Eßverhalten
 Vor und Nachteile der Eßstörung
 Das problematische Eßverhalten verstehen und verändern
 Die ungünstigen Gedanken und Einstellungen verstehen und ändern
 Abbau von "verbotenen" Nahrungsmitteln
 Rückfallprohylaxe
Ziel
Man wird zum Experten in eigener (Eß)-Sache und nimmt etwas mit auf was man dauerhaft zurück greifen kann.
Abbau alter, und Aufbau neuer Gewohnheiten
Essen nach Hunger und Sättigung
Das man das Essen nicht länger für andere Themen "mißbraucht" z.b. Ärger schlucken, unangenehme Gefühle verdrängen, Machtkämpfe austragen, sich schützen, etc.

Diese Gruppe gehörte zu meiner 2. Lieblingsgruppe. Ich habe dort sehr viel gelernt, was mein Eßverhalten anging. Ich habe verstanden, und somit den Mut fassen können neue Gewohnheiten auszuprobieren. Auf jeden Fall konnte ich nach längerer Zeit, nach meinem Aufenthalt, auf diese dort erarbeiteten Ziele zurückgreifen. Womit es mir unter anderem gelang, nach einger Zeit mein Eßverhalten bis heute in den Griff zu bekommen. Die Gruppe bestand auch hier in der Größe von 8 Personen.

F. Lehrküche

Unter Anleitung einer Diplom-Ökotrophologin werden in der Lehrküche neue Verhaltensweisen, sowie die Fähigkeit eine ausgewogene Mahlzeit selbst einzukaufen und zuzubereiten vermittelt. Dabei werden schwierige Situationen rund um das Essen geplant und konkret geübt. Dazu zählen: Einkaufen von Nahrungsmitteln, das Zubereiten von ausgewogenen Mahlzeiten, Herantasten an "verbotene" Lebensmittel. Auch das Kochen in der Gruppe wird geübt, was das Vertrauen untereinander fördern soll.

Gut fand ich dort, daß mir die verschiedenen Portionsgrößen mal genau erklärt wurden, was eben eine Person zum Beispiel an Reis ißt. Es wurden dort auch solche Übung gemacht daß, man von einem Riesigen Haufen Reis, zum Beispiel 100gr. herausnehmen sollte. Meine Schwierigkeit lag immer darin, daß ich Größen nicht einschätzen, bzw. überschätzt habe. Wenn ich die Hand voll hatte mit Reis hatte, dann glaubte ich schon das es mindestens 200gr waren. Das Kochen in der Gruppe viel mir sehr schwer, weil ich es bislang immer nur selber zubreitet habe. Meine Befürchtungen waren grundsätzlich, daß ich somit nicht mehr die exakte Kalorienangabe nachkontrollieren konnte. Aber durch das Üben wurde es schon besser, so daß ich mich zumindestens traute, teilweise die Portionen zu essen.

G. Gestaltungstherapie

Ziel der Gruppe war es, wie Malen, Zeichnen, Modellieren, einen neuen Zugang zu den eigenen Gefühlen zu bekommen. Es wurde sich am Anfang auf ein Projekt geeinigt. Zum Beispiel das Modellieren mit Ton eines Tieres. Wenn jeder dann fertig war, wurde darüber geredet. Also man teilte den anderen dann mit, warum man sich für dieses oder jenes Tier entschieden hat, und wie es einem dabei ergangen ist. Danach sagt die Gruppe ebenfalls ihre Einstellung dazu. Es kann teilweise sehr interessant zu gehen, was die Erfahrung der eigenen Gefühle anbelangt.

H. Eßprotokoll Gruppe und Gemeinschaftstisch

Man hatte dort die Aufgabe, jeweilig über den Tag verteilt, Eßprotokolle anzufertigen. Diese wurden dann 1 Mal wöchentlich in der jeweiligen Gruppe besprochen. Zum Beispiel mit welchen Lebensmitteln es besonders gut klappte, oder aber auch wo besondere Schwierigkeiten auftraten.

I. Einzeltherapie

Das waren regelmäßige, meistens 1 Mal pro Woche, Einzelgespräche bei seinem Bezugstherapeuten. Ziel dort war es ein Konzept zusammen zu erarbeiten was die Krankheitsbewältigung anbelangte. Es wurden dort natürlich auch Themen angesprochen, die man sich vielleicht nicht traute in der Gruppe anzusprechen. Man wurde immer wieder dazu verleitet, dieses dann das nächste Mal in der Gruppe mal anzusprechen. Aber ich zum Beispiel habe so meine Probleme damals mit der Gruppe gehabt, so das ich letztlich alle Themen in der Einzeltherapie ansprach. Ich konnte mich in der Gruppe nur sehr schwer bis gar nicht öffnen. Wenn jemand ein Thema hatte, dann konnte ich mich dazu äußern, aber von selber habe ich nie Themen angesprochen. Ebenfalls wurden dort die Verträge gemacht, so fern sie notwenig wurden. Nicht jeder hatte einen Vertag. Ich habe mir nach knapp 4 Wochen dort einen Gewichtsvertrag eingehandelt, den ich auch bis zum Schluß hatte. Der beinhaltete, pro Woche 0,700gk zu zunehmen. Von Freitag auf Dienstag 0,400kg, und von Dienstag auf Freitag 0,300 kg. Wenn man ihn eingehalten hat, so sollte man sich belohnen mit irgendwelchen schönen Dingen, und bei nicht Einhaltung, mußte man mit abgestuften Konsequenzen rechnen. Die fingen beim Klinikaufenthalt an und endeten letztlich bei einer Entlassung. In der 6 Woche habe ich dann auch noch einen Nicht-Selbstverletzungsvertag bekommen. Dieser war aber nicht so hart abgestuft wie der Gewichtsvertrag. Was auch mein Glück war, da ich ihn leider fast nie einhalten konnte.

J. Stationsversammlung

Ja diese fand jeden Freitag statt. Alle Mitpatienten haben daran teilgenommen. Ebenfalls alle Ärzte und Therapeuten sofern sie eben Dienst hatten. Dort wurde alles organisatorische angesprochen, wie zum Beispiel, Wocheendbeurlaubungen, oder auch Verbesserungsvorschläge für die Stationsordnung. Ja und dort wurden auch alle Patienten mit ihren "Verträgen" angesprochen. Jeder mußte sich dann melden, wenn er einen Vertag hatte. Es gab Verträge der unterschiedlichsten Art: Gewichtsverträge, Alkokohlverträgen, Nicht- Selbstverletzungsverträge, etc. Man teilte dann allen mit, ob man seinen Vertrag gehalten hat, und wenn nicht, dann mußte man sagen was die Konsequenz ist. Na diese Tortour war für mich immer das Schlimmste, weil ich einen meiner Verträge dort, fast nie erfüllen konnte.:-( Na aber so schlimm ist es jetzt auch nicht, man wurde deswegen mit Sicherheit nicht geächtet.:-) Im Großen und Ganzen waren diese Stationsversammlung immer recht lustig.

Ja und was auch noch besonders ist
bei der Behandlung in Roseneck, sind die verschiedenen Tische:

Eßprotokolltisch
Das Ziel dort war es, bewußter essen zu lernen. Das heißt, Hunger, Appetit und "Eßdruck" wahrnehmen und auch unterscheiden zu lernen. Eben zu einem Eßrythmus zu finden.
In Gemeinschaft essen zu lernen
Konfrontation mit dem eigenen Eßverhalten und dem der anderen Gruppenmitglieder
Unterstützung der anderen Gruppenmitglieder bei Einhaltung von Gewichtsverträgen und Vereinabrungen bezüglich des Essens und des Gewichts
Die inneren Verbote bezüglich des Essens kennenlernen und sich wieder mehr erlauben.
Die besonderen Regeln an diesem Tisch:
Sitzenbleiben bis alles fertig gegessen haben, mindestens aber die angegebene
Zeit (45 min), damit auch die langsam Esser nicht unter Zeitdruck sind.
Keine Lebensmittel mit in den Speisesaal nehmen oder vom Speisesaal mitherausnehmen, auch keinen Nachtisch.
Essen darf nicht getauscht werden. Jeder Patient/in soll sich mit seiner Portion auseinandersetzen.
Den Teller nicht von vornherein zurückgehen lassen. Sich mit allen Nahrungsmitteln auseinander setzen.
Erst probieren und schmecken, nicht automatisch würzen.
Es darf nur 1 Glas Wasser getrunken werden (sich weder mit Wasser auffüllen noch Wasser als Unterstützung beim Schlingen) verwenden.
Vor und nach jeder Mahlzeit wird ein Blitzlicht gemacht. Da sagt man kurz wie der Hunger und der Appetit sind, wie die Stimmung ist, und ob man etwas Neues ausprobieren will. Dadurch wird einem der Zusammenhang zwischen Gefühlen und Stimmung im Bezug auf das Eßverhalten klarer.

An diesen Tisch kommt man, sobald man dort seinen Aufenthalt begonnen hat. In der Regel bleibt man dort so ca. 3 Wochen sitzen. Es kann auch länger oder kürzer sein, je nachdem wie gut man sich dort am Tisch entwickelt ,oder man nach wie vor Schwierigkeiten hat. Ich zum Beispiel saß dort über 4 Wochen ;-)

Bei den Mittagmahlzeiten sitzt immer eine Person vom Pflegeteam mit am Tisch.

2. Gemeinschaftstisch

Der Unterschied zum Eßprotokolltisch liegt darin, daß man hier schon mehr sich selber überlassen bleibt. Das heißt, die anderen sagen Patienten reflektieren nicht mehr in dem Rahmen die Eßgewohnheiten. An diesem Tisch sitzt am Mittag immer ein Therapeut. Dieser äußert sich natürlich schon zum Essen. Es kommt dort auch öfters zu Konfrontativen Verhalten, was das Essen und die Einstellung angeht.

3. Familientisch

Ziel ist es hier:
Die Eßgewohnheiten selber einzuschätzen
Eigenverantwortlich mit dem am Gemeinschaftstisch Gelernten umzugehen
Essen in Schüsseln übrig lassen zu können

Dieser Tisch ist eine wichtige Chance, für realistische Situationen zu üben. Wie zum Beispiel: Zu Hause, im Betrieb, in der Mensa etc. An diesem Tisch macht man ganz gut die Erfahrung wie gut man bis dahin die Eßstöung hinter sich gelassenhat, aber auch was einem noch schwer fällt am normalen Essen.

Der Unterschied zu den beiden anderen Tischen liegt hier, daß das Essen in Schüsseln serviert wird, wie es in Familien üblich ist. Davon sollte man sich seine Portionen selber nehmen. Bei den anderen Tischen hat man es diesbezüglich leichter, da einem die Portionen fertig serviert bekommt und somit nicht entscheiden muß ob es zu viel oder zu wenig war. Am Familientisch kann man das dann ausprobieren.

4. Freier Tisch

Dort ist es nicht mehr Pflicht daß alle zur selben Uhrzeit am Essen teilnehmen. Also kann es durchaus auch schon mal vorkommen, daß man alleine dort sitzt. Somit ist er diesbezüglich auch eine gute Übung. Es sitzen auch keine Therapeuten mehr mit am Tisch.

Soziotherapie

Die ist dafür da, um zum Beispiel eine Berufliche oder schulische Neuorientierung anzustreben. Von dort erhält man auch Adressen von Selbsthilfegruppen oder Wohngruppen. Das ist eben alles sehr individuell gehalten, je nachdem was eben in der Einzeltherapie abgesprochen wird.

So damit wäre ich glaube ich fertig.:-)) Wenn Du noch Fragen haben solltest zu diesem Bericht, dann kannst Du mir gerne eine Email schicken. Ansonsten hoffe ich alles wichtige erwähnt zu haben.

Shalleen

Hier kannst Du Deine Geschichte veröffentlichen, wie es Dir in einer Klinik gefallen hat. Du kannst anderen Betroffenen somit einen besseren Eindruck zu der jeweiligen Klinik geben.

Wenn Du Deine Geschichte hier veröffentlichen möchtest, dann schicke mir einfach eine E-Mail zu.

Mein Aufenthalt in der Klinik Roseneck
vom 21.05.1997 bis zum 30.07.1997

Diagnose: Anorexia nervosa vom bulimischen Typ (DSM-IV 307.10)

Die Klinik liegt direkt am Chiemsee. Es ist dort von der Umgebung sehr schön. Ich war im Sommer dort, und es hat mir so total gut gefallen. Es gibt dort Einzel- und Doppelzimmer. Die meisten Zimmer haben Balkon. Die Doppelzimmer sind sehr schön gemacht, mit einem Torbogen in der Mitte des Raumes, so daß man, wenn man seine Ruhe haben wollte, ohne weiteres einen Vorhang zuziehen konnte, der direkt zur Zimmernachbarin führte. Die Einrichtung war ebenfalls sehr nett. In so einem Art Bauernstil, so daß man kaum daran erinnert wurde sich in einer Klinik aufzuhalten.

Auf der Station wo ich war, handelt es sich um eine reine Eßstörungsstation von etwas 25 Leuten.

Für jeden gab es dort einen individuellen Wochenplan. Der folgendermaßen aussah:

Station A2 Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag
7:00- 7:30 Frühsport Frühsport
und Wiegen
Frühsport Frühsport Frühsport
und Wiegen
7:30- 8:15 Frühstück Frühstück Frühstück Frühstück Frühstück
8:15- 9:55 BWT (a) Anti-Diät (e) GSK Anti-Diät  
9:55-10:15 Ruhepause Ruhepause Ruhepause Ruhepause Ruhepause
10:15-11:55 Gruppentherapie Lehrküche (f) BWT Einzeltherapie Lehrküche
11:45-13:00 Mittagessen Mittagessen Mittagessen Mittagessen Mittagessen
13:15-14:55     Eßprotokollgruppe,
& Gemeinschafts-
tisch (h)
   
14:55-15:15 Ruhepause Ruhepause Ruhepause Ruhepause Ruhepause
15:15-16:55 GSK (c) Gestaltung (g)   Gruppen-
therapie
Stations-
versammlung
16:55-17:05 Pause Pause Pause Pause Pause
17:05-17:45 PME (d) PME   PME  
17:45-19:00 Abendessen Abendessen Abendessen Abendessen Abendessen
  Freizeit Freizeit Freizeit Freizeit Freizeit


So voll sah der Plan eigentlich nur zum Schluß aus. In den ersten 2 Wochen hatte ich kaum Kurse. Nur die Einzeltherapie und die Gruppentherapie. Der Plan ist ein Baukastensysstem. Jede Woche kam eine neue Gruppe hinzu, und teilweise war eine Gruppe beendet. Am Eingang der Station war eine Infotafel wo man Namentlich aufgelistet wurde für die jeweiligen Gruppen. Dort hingen auch noch andere Info´s die die Station betrafen, z.b. Veranstaltungen, oder wenn man jemanden für Aktivitäten gesucht hat.

A. BWT = Bewegungstherapie

Diese Gruppe diente dazu, daß man eine realistische Körperwahrnehmung entwickelt und seinen Körper lernt besser annehmen zu können. Die unterschiedlichen Übungen sollten dazu dienen, daß man Freude an der Bewegung entwickelt. Materialen wie Massagebälle und Musik wurden dazu verwendet. Wir waren dort zu 5 Leuten in der Gruppe.

B. Gruppentherapie

Diese Gruppe war ein Hauptelement der Behandlung. Es wurde ein Austausch über Erfahrungen und verschiedenen Lebensschwierigkeiten gemacht. Ziel war es, neue Wege der Probleme auszuprobieren und zu überdenken. Wir waren meistens zu 8 Leuten in der Gruppe. Meistens waren immer 2 Therapeuten/Ärzte mitanwesend. Zuerst wurde immer ein "Blitzlicht" gemacht. Da hat man dann gesagt wie es einem geht, und ob man für die heutige Gruppe ein Thema hat. Nach diesem Blitzlicht wurde sich dann auf ein Thema geeinigt. Es wurden die verschiedensten Sache besprochen, wie zum Beispiel: Wie erzähle ich meinen Freunden, daß ich in einer Klink bin? Wie gehe ich mit unterschiedlichen Reaktionen um? Bevor die Gruppe zu ende ist, wird nochmals ein Blitzlicht gemacht. Da sagt man dann wie einem die Gruppe gefallen hat, und wie es einem damit geht.

C. GSK = Gruppe sozialer Kompetenzen

Diese Gruppe diente dazu, daß man soziale Kompetenz erwerben sollte. Das bedeutet, daß man sein Verhalten besser kennen lernt, und lernt in kleinen Schritten ein selbstsicheres, soziales und kompetentes Verhalten aufzubauen, zu erweitern oder auch zu stärken.

Eigene Interessen, Bedürfnisse, Gefühle, Ansichten und Einstellungen offen auszudrücken.
Interessen, Bedürfnisse, Gefühle, Ansichten, und Einstellungen anderer wahrzunehmen und aufgreifen zu können.
Eigenen Interessen, Bedürfnisse, Gefühle, Ansichten und Einstellungen angemessen durchsetzen zu können.
Unberechtigte Kritik und unberechtigte Forderungen anderer zurückweisen zu können.
Berechtigtes Lob, Kritik und Forderungen annehmen zu können.
Selbst Lob, Kritik und Forderungen aussprechen zu können.
Kontakte zu anderen Personen herstellen, aufrechterhalten und beenden können.
Sich Fehler erlauben können.
Sich öffentlicher Beachtung aussetzen zu können.

Diese Punkte wurde zuerst immer mündlich, dann schriftlich und zuletzt durch Rollenspiele erarbeitet. Mir persönlich hat diese Gruppe am meisten gefallen, da ich in diesen Punkten meine größten Probleme lagen. Die Gruppengröße lag hier bei 8 Leuten.

D. PME = Progressiven Muskelentspannung nach Jakobsen

In dieser Gruppe ging es darum, daß man achtsam lernt auf die Empfindung der Anspannung und er anschließenden Entspannung der Muskeln zu achten. In dem Kurs werden schrittweise alle Muskelgruppen angesprochen vom Kopf bis zu den Füßen.

Mir persönlich hat diese Gruppe nicht gefallen, da ich enorme Schwierigkeiten dort hatte, was das konzentrieren der Entspannung und Anspannung anging.

E. Anti - Diät Gruppe

Die Gruppe wurde in 3 Aspekte eingeteilt:

Theorie
 Einführung in das Konzept
 Informationen über Auslöser und Folgen der Eßstörung
 Informationen über Süßstoffe und Light Produkte
Praxis
 Persönliche Ziele
 Zusammenhang zwischen Gefühlen und Eßverhalten
 Vor und Nachteile der Eßstörung
 Das problematische Eßverhalten verstehen und verändern
 Die ungünstigen Gedanken und Einstellungen verstehen und ändern
 Abbau von "verbotenen" Nahrungsmitteln
 Rückfallprohylaxe
Ziel
Man wird zum Experten in eigener (Eß)-Sache und nimmt etwas mit auf was man dauerhaft zurück greifen kann.
Abbau alter, und Aufbau neuer Gewohnheiten
Essen nach Hunger und Sättigung
Das man das Essen nicht länger für andere Themen "mißbraucht" z.b. Ärger schlucken, unangenehme Gefühle verdrängen, Machtkämpfe austragen, sich schützen, etc.

Diese Gruppe gehörte zu meiner 2. Lieblingsgruppe. Ich habe dort sehr viel gelernt, was mein Eßverhalten anging. Ich habe verstanden, und somit den Mut fassen können neue Gewohnheiten auszuprobieren. Auf jeden Fall konnte ich nach längerer Zeit, nach meinem Aufenthalt, auf diese dort erarbeiteten Ziele zurückgreifen. Womit es mir unter anderem gelang, nach einger Zeit mein Eßverhalten bis heute in den Griff zu bekommen. Die Gruppe bestand auch hier in der Größe von 8 Personen.

F. Lehrküche

Unter Anleitung einer Diplom-Ökotrophologin werden in der Lehrküche neue Verhaltensweisen, sowie die Fähigkeit eine ausgewogene Mahlzeit selbst einzukaufen und zuzubereiten vermittelt. Dabei werden schwierige Situationen rund um das Essen geplant und konkret geübt. Dazu zählen: Einkaufen von Nahrungsmitteln, das Zubereiten von ausgewogenen Mahlzeiten, Herantasten an "verbotene" Lebensmittel. Auch das Kochen in der Gruppe wird geübt, was das Vertrauen untereinander fördern soll.

Gut fand ich dort, daß mir die verschiedenen Portionsgrößen mal genau erklärt wurden, was eben eine Person zum Beispiel an Reis ißt. Es wurden dort auch solche Übung gemacht daß, man von einem Riesigen Haufen Reis, zum Beispiel 100gr. herausnehmen sollte. Meine Schwierigkeit lag immer darin, daß ich Größen nicht einschätzen, bzw. überschätzt habe. Wenn ich die Hand voll hatte mit Reis hatte, dann glaubte ich schon das es mindestens 200gr waren. Das Kochen in der Gruppe viel mir sehr schwer, weil ich es bislang immer nur selber zubreitet habe. Meine Befürchtungen waren grundsätzlich, daß ich somit nicht mehr die exakte Kalorienangabe nachkontrollieren konnte. Aber durch das Üben wurde es schon besser, so daß ich mich zumindestens traute, teilweise die Portionen zu essen.

G. Gestaltungstherapie

Ziel der Gruppe war es, wie Malen, Zeichnen, Modellieren, einen neuen Zugang zu den eigenen Gefühlen zu bekommen. Es wurde sich am Anfang auf ein Projekt geeinigt. Zum Beispiel das Modellieren mit Ton eines Tieres. Wenn jeder dann fertig war, wurde darüber geredet. Also man teilte den anderen dann mit, warum man sich für dieses oder jenes Tier entschieden hat, und wie es einem dabei ergangen ist. Danach sagt die Gruppe ebenfalls ihre Einstellung dazu. Es kann teilweise sehr interessant zu gehen, was die Erfahrung der eigenen Gefühle anbelangt.

H. Eßprotokoll Gruppe und Gemeinschaftstisch

Man hatte dort die Aufgabe, jeweilig über den Tag verteilt, Eßprotokolle anzufertigen. Diese wurden dann 1 Mal wöchentlich in der jeweiligen Gruppe besprochen. Zum Beispiel mit welchen Lebensmitteln es besonders gut klappte, oder aber auch wo besondere Schwierigkeiten auftraten.

I. Einzeltherapie

Das waren regelmäßige, meistens 1 Mal pro Woche, Einzelgespräche bei seinem Bezugstherapeuten. Ziel dort war es ein Konzept zusammen zu erarbeiten was die Krankheitsbewältigung anbelangte. Es wurden dort natürlich auch Themen angesprochen, die man sich vielleicht nicht traute in der Gruppe anzusprechen. Man wurde immer wieder dazu verleitet, dieses dann das nächste Mal in der Gruppe mal anzusprechen. Aber ich zum Beispiel habe so meine Probleme damals mit der Gruppe gehabt, so das ich letztlich alle Themen in der Einzeltherapie ansprach. Ich konnte mich in der Gruppe nur sehr schwer bis gar nicht öffnen. Wenn jemand ein Thema hatte, dann konnte ich mich dazu äußern, aber von selber habe ich nie Themen angesprochen. Ebenfalls wurden dort die Verträge gemacht, so fern sie notwenig wurden. Nicht jeder hatte einen Vertag. Ich habe mir nach knapp 4 Wochen dort einen Gewichtsvertrag eingehandelt, den ich auch bis zum Schluß hatte. Der beinhaltete, pro Woche 0,700gk zu zunehmen. Von Freitag auf Dienstag 0,400kg, und von Dienstag auf Freitag 0,300 kg. Wenn man ihn eingehalten hat, so sollte man sich belohnen mit irgendwelchen schönen Dingen, und bei nicht Einhaltung, mußte man mit abgestuften Konsequenzen rechnen. Die fingen beim Klinikaufenthalt an und endeten letztlich bei einer Entlassung. In der 6 Woche habe ich dann auch noch einen Nicht-Selbstverletzungsvertag bekommen. Dieser war aber nicht so hart abgestuft wie der Gewichtsvertrag. Was auch mein Glück war, da ich ihn leider fast nie einhalten konnte.

J. Stationsversammlung

Ja diese fand jeden Freitag statt. Alle Mitpatienten haben daran teilgenommen. Ebenfalls alle Ärzte und Therapeuten sofern sie eben Dienst hatten. Dort wurde alles organisatorische angesprochen, wie zum Beispiel, Wocheendbeurlaubungen, oder auch Verbesserungsvorschläge für die Stationsordnung. Ja und dort wurden auch alle Patienten mit ihren "Verträgen" angesprochen. Jeder mußte sich dann melden, wenn er einen Vertag hatte. Es gab Verträge der unterschiedlichsten Art: Gewichtsverträge, Alkokohlverträgen, Nicht- Selbstverletzungsverträge, etc. Man teilte dann allen mit, ob man seinen Vertrag gehalten hat, und wenn nicht, dann mußte man sagen was die Konsequenz ist. Na diese Tortour war für mich immer das Schlimmste, weil ich einen meiner Verträge dort, fast nie erfüllen konnte.:-( Na aber so schlimm ist es jetzt auch nicht, man wurde deswegen mit Sicherheit nicht geächtet.:-) Im Großen und Ganzen waren diese Stationsversammlung immer recht lustig.

Ja und was auch noch besonders ist
bei der Behandlung in Roseneck, sind die verschiedenen Tische:

Eßprotokolltisch
Das Ziel dort war es, bewußter essen zu lernen. Das heißt, Hunger, Appetit und "Eßdruck" wahrnehmen und auch unterscheiden zu lernen. Eben zu einem Eßrythmus zu finden.
In Gemeinschaft essen zu lernen
Konfrontation mit dem eigenen Eßverhalten und dem der anderen Gruppenmitglieder
Unterstützung der anderen Gruppenmitglieder bei Einhaltung von Gewichtsverträgen und Vereinabrungen bezüglich des Essens und des Gewichts
Die inneren Verbote bezüglich des Essens kennenlernen und sich wieder mehr erlauben.
Die besonderen Regeln an diesem Tisch:
Sitzenbleiben bis alles fertig gegessen haben, mindestens aber die angegebene
Zeit (45 min), damit auch die langsam Esser nicht unter Zeitdruck sind.
Keine Lebensmittel mit in den Speisesaal nehmen oder vom Speisesaal mitherausnehmen, auch keinen Nachtisch.
Essen darf nicht getauscht werden. Jeder Patient/in soll sich mit seiner Portion auseinandersetzen.
Den Teller nicht von vornherein zurückgehen lassen. Sich mit allen Nahrungsmitteln auseinander setzen.
Erst probieren und schmecken, nicht automatisch würzen.
Es darf nur 1 Glas Wasser getrunken werden (sich weder mit Wasser auffüllen noch Wasser als Unterstützung beim Schlingen) verwenden.
Vor und nach jeder Mahlzeit wird ein Blitzlicht gemacht. Da sagt man kurz wie der Hunger und der Appetit sind, wie die Stimmung ist, und ob man etwas Neues ausprobieren will. Dadurch wird einem der Zusammenhang zwischen Gefühlen und Stimmung im Bezug auf das Eßverhalten klarer.

An diesen Tisch kommt man, sobald man dort seinen Aufenthalt begonnen hat. In der Regel bleibt man dort so ca. 3 Wochen sitzen. Es kann auch länger oder kürzer sein, je nachdem wie gut man sich dort am Tisch entwickelt ,oder man nach wie vor Schwierigkeiten hat. Ich zum Beispiel saß dort über 4 Wochen ;-)

Bei den Mittagmahlzeiten sitzt immer eine Person vom Pflegeteam mit am Tisch.

2. Gemeinschaftstisch

Der Unterschied zum Eßprotokolltisch liegt darin, daß man hier schon mehr sich selber überlassen bleibt. Das heißt, die anderen sagen Patienten reflektieren nicht mehr in dem Rahmen die Eßgewohnheiten. An diesem Tisch sitzt am Mittag immer ein Therapeut. Dieser äußert sich natürlich schon zum Essen. Es kommt dort auch öfters zu Konfrontativen Verhalten, was das Essen und die Einstellung angeht.

3. Familientisch

Ziel ist es hier:
Die Eßgewohnheiten selber einzuschätzen
Eigenverantwortlich mit dem am Gemeinschaftstisch Gelernten umzugehen
Essen in Schüsseln übrig lassen zu können

Dieser Tisch ist eine wichtige Chance, für realistische Situationen zu üben. Wie zum Beispiel: Zu Hause, im Betrieb, in der Mensa etc. An diesem Tisch macht man ganz gut die Erfahrung wie gut man bis dahin die Eßstöung hinter sich gelassenhat, aber auch was einem noch schwer fällt am normalen Essen.

Der Unterschied zu den beiden anderen Tischen liegt hier, daß das Essen in Schüsseln serviert wird, wie es in Familien üblich ist. Davon sollte man sich seine Portionen selber nehmen. Bei den anderen Tischen hat man es diesbezüglich leichter, da einem die Portionen fertig serviert bekommt und somit nicht entscheiden muß ob es zu viel oder zu wenig war. Am Familientisch kann man das dann ausprobieren.

4. Freier Tisch

Dort ist es nicht mehr Pflicht daß alle zur selben Uhrzeit am Essen teilnehmen. Also kann es durchaus auch schon mal vorkommen, daß man alleine dort sitzt. Somit ist er diesbezüglich auch eine gute Übung. Es sitzen auch keine Therapeuten mehr mit am Tisch.

Soziotherapie

Die ist dafür da, um zum Beispiel eine Berufliche oder schulische Neuorientierung anzustreben. Von dort erhält man auch Adressen von Selbsthilfegruppen oder Wohngruppen. Das ist eben alles sehr individuell gehalten, je nachdem was eben in der Einzeltherapie abgesprochen wird.

So damit wäre ich glaube ich fertig.:-)) Wenn Du noch Fragen haben solltest zu diesem Bericht, dann kannst Du mir gerne eine Email schicken. Ansonsten hoffe ich alles wichtige erwähnt zu haben.

Shalleen

Hier kannst Du Deine Geschichte veröffentlichen, wie es Dir in einer Klinik gefallen hat. Du kannst anderen Betroffenen somit einen besseren Eindruck zu der jeweiligen Klinik geben.

Wenn Du Deine Geschichte hier veröffentlichen möchtest, dann schicke mir einfach eine E-Mail zu.