Magersüchtige erleben Körper, Geist und Seele nicht als Einheit. Sie haben besonders zu ihrem Körper ein gestörtes Verhältnis. Sie kennen ihn nicht, weil sie ihn nicht eigentlich wahrnehmen, ihn sogar verachten und hassen. Sie kämpfen mit brutalen, zuweilen zerstörerischen Mitteln gegen ihre Körperlichkeit und machen sie dadurch paradoxerweise zu einem beherrschenden Faktor. Eine zweimal wöchentlich stattfindende Körperwahrnehmungs-Gruppentherapie soll den Magersüchtigen helfen, einen Zugang zu ihrem Körper zu finden und ihre Sinnlichkeit im weitesten Sinn zu entdecken. Dieser Lernprozeß läuft nicht über den Verstand, sondern über unmittelbare Erfahrungen mit dem eigenen Körper und die damit verbundenen Empfindungen. Die Magersüchtigen lernen, in sich hineinzuhorchen, einzelne Körperregionen wahrzunehmen, sie zu fühlen und sich dieser Gefühle in allen positiven und negativen Schattierungen bewußt zu werden. Sie empfinden in der Gruppe körperliche Anziehungskraft und Abstoßung. Das gegenseitige Wahrnehmen macht Nähe und Geborgenheit, aber auch Ferne, Kälte, ja sogar Bedrohung und Angst erfahrbar.

Vorteile und Nachteile:

Die größte Faszination einer Körpertherapie liegt mit Sicherheit in der Möglichkeit, sich selbst und seine Probleme auf ungewohnte, sehr unmittelbare Weise zu erfahren. In der Therapie-Wirkungsforschung gibt es bisher noch keine umfassende Untersuchung darüber, wie weit die Verbesserung denn nun konkret reichen, die mit bioenergetischen Methoden erzielt werden können. Fachleute sind sich allerdings darüber einig, daß eine qualifiziert angewandte Körpertherapie vor allem im Bereich psychosomatischer Erkrankungen Erfolge bringen kann - bei Patienten also, die ihre Konflikte häufig ohnehin schwer in Worte fassen können und sie auf ihren Körper übertragen. Dazu gehören zum Beispiel chronische Schmerzerkrankungen wie Migräne, Allergien, Hautprobleme, aber auch Magengeschwüre und Asthma. Bioenergetische Therapeuten betonen darüber hinaus, daß Körpertherapie ganz besonders geeignet sei für Menschen mit psychischen Problemen, deren Wurzeln in eine sehr frühe Phase des Lebens zurückreichen - tiefsitzende Kontaktstörungen, Minderwertigkeitsgefühle, Ängste. Weil in der Bioenergetischen Therapie Gefühle eben nicht nur über das Medium der Worte und des Verstandes ausgedrückt werden, kann man dabei in Bereiche vorstoßen, die bei anderen Therapien möglicherweise nie so direkt beleuchtet werden. Die größte Faszination dieser Therapierichtung, der Einsatz von Techniken mit ausdrücklicher "Tiefenwirkung", kann allerdings gleichzeitig auch ihr größter Nachteil sein - wenn nicht sogar ein Risiko für den Patienten. Es ist auch wichtig zu erwähnen, daß sich auf dem Markt der Körpertherapien sich viele Therapeuten tummeln - und nicht alle gehören zur seriösen Szene. Man sollte sich also ganz genau nach der Ausbildung erkundigen. An den offiziellen Institutionen dauert sie 4 Jahre, vorgeschrieben ist außerdem, daß der angehende Körpertherapeut sich einer eigenen Lehrtherapie unterzieht und nach Abschluß der Ausbildung regelmäßig Supervisionen in Anspruch nimmt. Ein anderes Risiko ist, daß ein schlecht ausgebildeter Therapeut eine bestehende psychotische Tendenz bei einem Patienten nicht erkennt - und ihm ein Emotionsaufruhr zumutet, den er in seiner labilen Situation gar nicht verkraften kann.